Strategischen Wandel verstehen: Erkenntnisse aus dem TEMPUS-Expertenworkshop zum Emscher-Umbau

Am 22. Juni 2026 fand im Tagungszentrum Hörder Burg in Dortmund ein Expertenworkshop zum Emscherumbau im Rahmen des DFG-geförderten Forschungsprojekts TEMPUS – Temporalität und strategische Planung statt. Unter dem Titel „Emscherumbau als strategischer Transformationsprozess“ diskutierten siebzehn Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft (inkl. Projektteam) die bisherigen Ergebnisse der Projektgruppe zu Phasen, Strategieveränderungen und deren zeitlicher Einordnung. Im Zentrum stand die Frage, welche strategischen Veränderungen den Emscherumbau charakterisieren und wodurch sich ihr jeweiliges Timing erklären lässt.

Mit der Hörder Burg lag der Veranstaltungsort in unmittelbarer Nähe zum Phoenixsee, der in den 2000er-Jahren auf einem ehemaligen Stahlwerksgelände entstand und heute selbst als Sinnbild des Strukturwandels sowie nachfolgender sozio-ökologischer Transformation im Ruhrgebiet gelesen werden kann. In diesem räumlich-symbolischen Kontext präsentierte die Projektgruppe über einen Zeitraum von vier Stunden ihre Zwischenergebnisse und diskutierte mit dem Fachpublikum zentrale Dynamiken regionaler strategischer Planung.

 

TEMPUS und die Analyse des Emscherumbaus

Das Projekt TEMPUS untersucht den Emscherumbau als Prozess regionaler Strategiebildung von den frühen 1980er-Jahren bis in die Gegenwart. Ziel ist es, ein bestehendes Prozessmodell regionaler Strategiebildung unter besonderer Berücksichtigung von Zeit und Temporalität weiterzuentwickeln. Grundlage der Analyse sind über 300 Dokumente, Experteninterviews sowie eine Basisereignisanalyse, bei der etwa 450 strategierelevante Ereignisse identifiziert wurden. Die Projektgruppe leitete so eine vorläufige Prozessstruktur von neun Strategieveränderungen ab, die im Workshop vorgestellt und in thematischen Tischgesprächen und in großer Runde gemeinsam reflektiert wurde.

Mehr als ein Infrastrukturprojekt

Die Diskussion machte deutlich, dass der Emscherumbau nicht allein als technisches Infrastrukturprojekt verstanden werden kann. Zwar bildet die abwassertechnische Umgestaltung des Emschersystems den materiellen Kern. Zugleich handelt es sich jedoch um einen vielschichtigen regionalen Transformationsprozess, in dem technische Infrastruktur, ökologische Erneuerung, städtebauliche Entwicklung, politische Steuerung, institutionelle Kontinuität und kommunikative Rahmung eng miteinander verbunden sind. Diese Mehrdimensionalität ist für die weitere Strategieanalyse zentral.

Kontext, Akteure und Institutionen

Ein wiederkehrender Diskussionspunkt war die Bedeutung des historischen Kontexts. Die Teilnehmenden betonten, dass der Emscherumbau ohne Strukturwandel, Deindustrialisierung, veränderte Umweltwahrnehmungen und politischen Gestaltungswillen auf Landesebene kaum erklärbar sei. Strategieveränderungen entstanden demnach aus politischen und planerischen Entscheidungen im Zusammenspiel mit gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklungen.


Das Momentum der Zeit war durch eine Reihe von tragenden und treibenden politischen Akteuren geprägt. Persönlichkeiten wie Johannes Rau, Christoph Zöpel, Karl Ganser oder Jochen Stemplewski wurden als wichtige Figuren benannt. Zugleich warnten die Diskutant:innen vor einer allzu personenzentrierten Erzählung: Starke Akteure können vor allem dadurch wirksam werden, sofern ihnen die politischen, gesellschaftlichen und institutionellen Konstellationen ihr Handeln ermöglichten.


Als zentraler Erfolgsfaktor wurde die institutionelle Stabilität der Emschergenossenschaft hervorgehoben. Ihre korporatistische Struktur, ihre langfristige Handlungsfähigkeit und das gebührenbasierte Finanzierungsmodell ermöglichten Kontinuität über politische Wahlperioden hinweg. Das Vertrauen von Kommunen, Land und Mitgliedern in ihre technische und organisatorische Kompetenz wurde als wesentliche Ressource beschrieben.

 

Timing und strategische Gelegenheitsfenster

Intensiv diskutiert wurde, wie strategische Veränderungen zeitlich entstehen. Die Teilnehmenden machten deutlich, dass Strategiewandel häufig nicht punktuell durch einzelne Beschlüsse ausgelöst wird. Vielmehr verdichten sich über längere Zeit Problemdruck, politische Handlungsbereitschaft, fachliche Vorbereitung und institutionelle Leistungsfähigkeit. Erst wenn diese Faktoren zusammentreffen, können strategische Veränderungen sichtbar und wirksam werden. 

Narrative und Kommunikation

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf Narrativen und Kommunikation. Das positive Zukunftsbild einer „wieder blauen Emscher“ wurde als mobilisierendes Narrativ beschrieben, das Akzeptanz schuf und den Umbau über technische Fachkreise hinaus verständlich machte. Die Teilnehmenden betonten, dass kommunikative und inhaltliche Strategieveränderungen nicht voneinander zu trennen seien. Auch der Umgang mit Kostensteigerungen und Terminverschiebungen wurde als strategische Leistung interpretiert, weil es gelang, Vertrauen in den Gesamtprozess zu erhalten.

Offene Fragen für die weitere Analyse

Gleichzeitig wurden im Workshop offene Fragen für die wissenschaftliche Analyse formuliert. Besonders grundlegend ist die Frage, ob der Emscherumbau als übergreifende Gesamtstrategie mit fortlaufenden Anpassungen oder als Abfolge eigenständiger Strategieveränderungen verstanden werden sollte. Diese Unterscheidung ist analytisch folgenreich, weil sie darüber entscheidet, wie komplexe Zusammenhänge zwischen Veränderungen, Kontinuitäten und Konkretisierungen sichtbar gemacht werden.


Zudem wurden mögliche blinde Flecken benannt. Dazu zählen Fragen der Wirtschaftlichkeit, Gesundheitswirkungen, Organisationsentwicklung der Emschergenossenschaft, Rolle des Emscher Landschaftsparks, Verlegung der Emschermündung sowie geschlechterbezogene Perspektiven. Auch eine stärker kritische Reflexion der Erfolgserzählung wurde eingefordert, um Konflikte, Verantwortlichkeiten und unterrepräsentierte Akteursgruppen stärker zu berücksichtigen.

Impulse für Wissenschaft und Praxis

Für das TEMPUS-Projekt ergaben sich aus dem Workshop eine Vielzahl von Impulsen für den weiteren Fortgang. Der Kontext des Ruhrgebiets gilt als erklärende Variable stärker im Blick zu behalten, identifizierte Strategieveränderungen konzeptionall vertiefend zu ordnen und ihr Verhältnis zur übergreifenden Gesamtstrategie präziser zu bestimmen.


Insgesamt zeigte der Workshop, dass der Emscherumbau als Fall regionaler Strategiebildung ein hohes Potenzial für wissenschaftliche Erkenntnisse und praktischen Wissenstransfer besitzt. Die Diskussion bestätigte die Relevanz der bisherigen TEMPUS-Analyse und verdeutlichte zugleich, dass Strategieveränderungen nur im Zusammenspiel von Zeit, Kontext, Institutionen, Akteuren und Narrativen angemessen verstanden werden können.

Teilnehmende

Aus der Praxis waren dies Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft [EG]), Dr. Emanuel Grün (Technischer Vorstand a. D. der EG und Aufsichtsratsvorsitzender der Allmende Emscher-Lippe eG), Susanne Linnebach (Leiterin Mitglieder- und Fördermanagement, EG), Michael von der Mühlen (Staatssekretär a. D. und Stadtdirektor a. D.), Ullrich Sierau (Oberbürgermeister a. D. der Stadt Dortmund), Stefan Thabe (Beigeordneter der Stadt Herne) und Tana Petzinger (Referatsleiterin Regionalentwicklung, Regionalverband Ruhr). 


Aus der Wissenschaft beteiligten sich Prof. Dr. Rainer Danielzyk (Leibniz Universität Hannover), Prof. Dr. Heike Köckler (Hochschule Bochum), Dr. Michael Farrenkopf (Leiter montan.dok, Deutsches Bergbau-Museum Bochum), Prof. Dr. Deike Peters (Soka University of America) sowie Prof. Dr. Stefan Siedentop und Prof. Dr. Aude Zingraff-Hame (beide TU Dortmund).

Zitieren als:
Schinagl, M., Schroeder, B., Hutter, G.& Wiechmann, T. (2026). Strategischen Wandel verstehen: Erkenntnisse aus dem TEMPUS-Expertenworkshop zum Emscher-Umbau (22.06.2026 in Dortmund/Hörde). Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.21414433

 

Das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung e. V. wird gemeinsam durch Bund und Länder gefördert.

FS Sachsen

Diese Maßnahme wird mitfinanziert mit Steuermitteln auf Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes.